Wenn Steine erzählen...

"Wenn Steine erzählen" ist eine Serie von Artikeln, die auf unterhaltsame und lehrreiche Weise die architektonischen und künstlerischen Besonderheiten der Stiftskirche vorstellen. Geschrieben hat sie die zertifizierte Kirchenführerin und Stiftskirchenkennerin Bärbel Grieb für den Gemeindebrief, die Fotos stammen überwiegend von Johanna Neuburger. 

Das geheimnisvolle Kästchen

Fotos: Johanna Neuburger

Unser Kirchenbüttel – wer ist er wirklich, und was trägt er auf seinen Fingerspitzen?

Es ist gut, dass er als Kirchenbüttel geradezu einen Mittelpunkt in unserem Gemeindebrief bildet, ist er doch die einzige Originalfigur vom Ostgiebel unserer Kirche. Dort ist nun eine Kopie – das Original wurde zu seinem Schutz in den Innenraum unserer Kirche versetzt. Alle anderen Originalfiguren sind im Museum Storchen untergebracht. Sieben der insgesamt zwanzig Plastiken kann man im Erdgeschoss bewundern, die übrigen ruhen in Spezialkisten im Depot des Museums.

Unser Büttel musste schon manche Fehldeutung und auch Beschimpfung ertragen. So schreibt Theo Dames 1950 in der NWZ, man habe es hier mit ungelenker Volkskunst zu tun, und es gäbe keinerlei christliche Deutung. Zugegeben, die starren Pupillen irritieren. Aber Auftraggeber und Steinmetz hatten ein anderes Ziel: Hier sollte nicht ein Individuum geschaffen werden, sondern ein Typus. Das Wichtigste war die zweifelsfreie Ähnlichkeit der beiden großen Figuren in der Mittelachse des Ostgiebels. Auch der bei beiden identische Gürtel unterstreicht: Das sind Zwillinge.

Wolfgang Metzger (1) begründet aus dem gesamten Bildprogramm der Mittelachse: Der Obere ist der Regent des Tages, der Untere der Führer durch die Nacht. Denn ganz oben steht die Sonnenscheibe, ganz unten auf dem Dach der Apsis die Eule. Unser Kirchenbüttel ist also der Führer durch die Nacht, der zum Schutze Voranschreitende. Er rüstet sich auf seinen Gang durch Dunkelheit und Gefahr, prüft mit der linken Hand, ob der Gürtel richtig festgezurrt ist. Auch sein überdimensionierter Hut schützt ihn dabei (der Hut fehlt beim Orginal innerhalb der Kirche; die Kopie am Ostgiebel zeigt die vollständige Figur).

Und das soll nicht christlich sein? Einer, der uns tags und vor allem einer, der uns nachts behütet? Es ist eine Visualisierung des Christus-Versprechens: „Ich bin bei euch alle Tage.“

Aber was soll das Kästchen? Ist es der Proviant? Den hat man wohl in der Manteltasche, aber nicht auf den Fingerspitzen. Ist es ein Schatzkästchen? Das so vor sich herzutragen würde wohl nachts jeden Dieb und Wegelagerer anlocken.

Und doch – so auf den Fingerspitzen trägt man nur etwas ganz Kostbares. Es muss etwas Wichtiges sein, das unseren Führer durch die Nacht bei seinem Gang durch Dunkelheit und Gefahr behütet.

Wir wissen es nicht. Wolfgang Metzger interpretiert es so:

Offenbar ist es ein heiliges Etwas (eine Hostie oder auch eine Reliquie?), was hier wohlbehütet durch die Nachtstunden getragen werden will als Sinnbild der steten Gegenwart des Ewigen auch in der Angst der Finsternis.

 ___

(1) Quelle: Wolfgang Metzger, Die romanische Stiftskirche in Faurndau

___

Erschienen im Gemeindebrief 02/14

Extra: s'Stiftskircha-Käschdle

Na, was denkt sich wohl oser Stiftskirchabittel, was mir os für Gedanke über sei Käschtle machet? Er hot sich’s durch da Kopf gange lasse, wie er’s os schonend beibrenge soll, des mit dem Käschtle.

Liebe Leute, I han’s doch extra ganz vorsichtig uff meine Fengerspitze gnomme, s’soll ja net so aussähe als ob i bettle dät. Ond Ihr liabe Stiftskircha–Chrischde hend des nach 800 Johr no et begriffe, dass i doch für mei Stiftskirch verantwortlich be? Vo meim bißle Einkomme kann i dui scheene alte Kirch alloi net verhalte. Denket doch, was für viele, viele Koschda ahfallet, dass so a Gebäide überhaupt no stoht.

Ach ja, ond dui Stiftskirchagmoind will informierd werde, zum Beispiel mit dem „Gemeindebrief“, der koscht au Geld.

Ond deswäge will i jetzt net nomol 800 Johr warte, bis Ihr liabe Mitchrischde begreifet, für was i des „Käschtle“ uff meine Fenger halt. I woiß jo, dass Ihr älle gern spendet ond opferet, nehmet mer’s net für Ibel, wenn i e bissle z’deitlich worre be, s’war et bais gmoint, aber i halt mei Käschtle weiterhin uffrecht uff meine Fenger!“

Des moint oene von osere Stiftskirche-Chrischde ond legt a kloine Spende nei in des „Käschtle“ für de Gemeindebrief, uff den i mi jedes Mol frei.

Als Reaktion auf den letzten Gemeindebrief mit dem Artikel „Das geheimnisvolle Kästchen“ kam dieser schwäbische Brief zusammen mit einer Spende anonym im Pfarrhaus an.

Maria

Fotos: Johanna Neuburger

Das war eine Überraschung 1957, als bei der Renovierung der Kirche und Freilegung der Wandmalereien Marienbilder auftauchten.

Im ersten Schreck hieß es: „Sofort wieder zutünchen!“ Maria in einer protestantischen Kirche! Das geht gar nicht – dachten manche. Unsere Stiftskirche war vor der Reformation die „Kirche zur heiligen Maria“, eine Marienkirche. Der Bilderzyklus in der Apsis erzählt das Leben der Maria und ihrer Eltern Anna und Joachim. Wie gut, dass wir diese schönen Marien- bilder haben. Wir Protestanten beten zwar nicht zu Maria, aber wir verehren sie als die Mutter Gottes. Und was wäre Weihnachten ohne Maria!

Das erste Marienbild ist rechts neben dem südlichen kleinen Apsisfenster. Es gehört zu einer Verkündigungsszene. Der Verkündigungsengel Gabriel war sicher gegenüber in dem Bildfeld links neben dem nördlichen kleinen Apsisfenster. Leider ist von diesem Bild nur noch der Rahmen übrig.

Mit den gotischen Elementen der S-förmig gebogenen Haltung der Personen und der gemalten Spitzbogenarchitektur samt Maßwerken wird die Bildentstehung des ganzen Marienzyklus auf 1300 oder kurz danach datiert.

Diese Darstellung der Maria gehört sicher zum Typus „Schöne Madonna“. Leider sehen wir ihr Gesicht kaum mehr. Aber Körperhaltung und Faltenwurf des Gewandes zeigen eine hohe Qualität dieses Bildes. Die rechte Hand presst Maria auf ihre Brust. Sie empfängt gerade eine eigentlich unfassbare Botschaft. In der linken Hand hält sie ein Spruchband mit der Antwort auf diese Botschaft: „ECCE ANCILLA DOMINI“ – „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“. In großer Demut nimmt sie ihr Schicksal an – ohne zu diskutieren, wie heute üblich. In einer Zeit wie im Mittelalter, in der das Gebären eines Kindes für die Mutter lebensgefährlich war, war Maria für die Frauen ein großes Vorbild und ein großer Trost.

Das schönste Marienbild aber haben wir an der südlichen Chorwand: Eine Marienkrönung. Manfred Akermann, in den 1970-iger Jahren Stadtarchivar in Göppingen, schwärmt: „Die unendlich feine Neigung des gekrönten Hauptes, die innige Gebärde der betenden Hände, der hoheitsvoll demütige Ausdruck des mit wenigen Strichen gezeichneten Gesichts geben dieser Gestalt etwas von der zeitlosen Schönheit jener um diese Zeit entstandenen Buchmalereien.“

Links von Maria – schwer erkennbar – ist Gottvater, mit Bart, Krone und Heiligenschein. Mit seiner linken Hand setzt er Maria die gotische Kleeblattkrone auf, die rechte ist zum Segen erhoben.

Und etwas weiteres fällt auf: Zwischen beiden, fast bildbeherrschend, prangt ein roter, achtzackiger Stern auf dunklem Grund. Was bedeutet er? Heribert Hummel meint in seinem Buch „Wandmalereien im Kreis Göppingen“, der Stern solle andeuten, dass die Krönung im Himmel stattfindet. Na, wo denn sonst!

Oder ist es der Meerstern? Seit dem 8. Jahrhundert gibt es den lateinischen Hymnus „Ave Maris Stella“ („Meerstern, sei gegrüßt“). Das Wortspiel Maris – Maria hat gefallen und könnte dafür sprechen.

Vielleicht ist es auch der Stern von Bethlehem, denn nur durch die Geburt von Christus ist Maria zur Himmelskönigin geworden.

---

Quelle: Manfred Akermann in Wolfgang Metzgers Buch Die romanische Stiftskirche in Faurndau

---

Erschienen im Gemeindebrief 03/14

Man sieht nur, was man weiß

Fotos: Johanna Neuburger

Wir haben uns daran gewöhnt, dass man im roten Oval in der Apsiswölbung nur noch wenig erkennen kann und erfreuen uns vor allem an dem Sternenhimmel mit den roten Sternchen. Aber an dieser prominentesten Stelle der Kirche müsste sich ja wohl ein ganz besonderes Bild befinden.

Stimmt! Es ist die zentrale Abbildung der Romanik: Die Majestas Domini – die Herrlichkeit des Herrn.

Diese Darstellung entstand im 5. Jahrhundert, und mit der Zeit hat sich folgende Bildkomposition etabliert: Jesus sitzt auf einem Thron oder Regenbogen, man sieht ihn frontal. Er ist prächtig, ja königlich gekleidet und strahlt Würde aus. Seine rechte Hand ist zum Segen erhoben, und in seiner Linken hält er das Evangelium, meist aufgeschlagen. Als Fußstütze dient oft die Erdkugel. Manchmal ist die gesamte Figur von einem Glorienschein umgeben. Und wenn dieser Glorienschein mandelförmig ist wie bei uns, so heißt die Darstellung auch „Christus in der Mandorla“.

Biblische Grundlagen für dieses Motiv, zitiert in der Einheitsübersetzung, sind vor allem Jesaja 66,1 „Der Himmel ist mein Stuhl und die Erde meine Fußbank“ und Ezechiel 1,26–28 „Auf dem, was einem Thron glich, saß eine Gestalt, die wie ein Mensch aussah. Oberhalb von dem, was wie seine Hüften aussah, sah ich etwas wie Feuer und ringsum einen hellen Schein. Wie der Anblick des Regenbogens, der sich an einem Regentag in den Wolken zeigt, so war der helle Schein ringsum. So etwa sah die Herrlichkeit des Herrn aus.“

Aber es dienten wohl auch Darstellungen thronender römischer Kaiser und Götter  als Vorbild. Die Majestas-Domini-Darstellungen kommen als Buchmalereien vor und zieren oft ganzseitig den Beginn von Evangeliaren. Als Fresken oder Mosaiken füllen sie Apsiswölbungen, als Skulpturen thronen sie im Bogenfeld von Portalen.

Es wird vermutet, dass die Verbreitung gerade dieser Darstellung des auferstandenen Christus als Weltenherrscher mit einem zunehmenden Machtbewusstsein der Kirche zusammenhängt. Erinnert sei hier an den Investiturstreit, der 1077 zum Gang nach Canossa führte. Den gleichen Bildtypus findet man genauso häufig in den orthodoxen Ostkirchen. Dort heißt er Pantokrator und bedeutet All- oder Weltenherrscher. Bei den antiken Griechen war Pantokrator ein Beiname für Zeus. Nach 1300, auch wegen der Ausbreitung der Gotik, wurde dieses Bild nicht mehr verwendet.

Unser „Christus in der Mandorla“ wurde wohl um 1250 gemalt. Was aber sieht man noch? Die linke Hand mit dem aufgeschlagenen Evangelium ist zu sehen, die rechte Segenshand und vor allem das Haupt mit dem dunklen, schulterlangen Haar.
Deutlich sieht man auch die Augen, nicht aber den Mund. Wir müssen annehmen, dass er nicht lächelt, oder vielleicht doch? An den Schultern kann man noch Gewänder erahnen. Heribert Hummel schreibt in seinen „Wandmalereien im Kreis Göppingen“ von „auf einem Regenbogen thronenden Christus“. Den Regenbogen kann ich trotz größter Mühen nicht erkennen, aber vielleicht war ja vor 40 Jahren noch mehr zu sehen. Natürlich ist es schade, dass man nur noch so wenig sieht – aber doch ist er da, der auferstandene Christus, und er segnet uns.

---

Erschienen im Gemeindebrief 01/15

---

Einige Beispiele der Majestas Domini in anderen Kirchen - mehr Informationen durch Klick auf die einzelnen Bilder:

Löwe, Stier und Co. - wie die Evangelisten zu ihren Symbolen kamen

Fotos: Johanna Neuburger

Wir kennen sie wohl alle: Die vier Flügelwesen Löwe, Stier, Adler und Mensch.

Manche kennen sogar die Eselsbrücke, die bei der Zuordnung zu den Evangelisten hilft: ELSA. Man muss nur noch die Reihenfolge der Evangelisten im Neuen Testament kennen: „…In dem Neuen stehn Matthäus, Markus, Lukas und Johann…“, dann ist klar: Matthäus – Engel, Markus – Löwe, Lukas – Stier und Johannes – Adler. Der Engel allerdings beruht auf einem Irrtum - es ist ein Mensch. Aber da alle vier Wesen Flügel haben und wir bei einem geflügelten Menschen sofort Engel assoziieren, macht die Eselsbrücke halt einen Engel aus dem Menschen.
Diese vier Wesen kommen in vielen Kirchen aller Stilarten vor, als Attribute der Evangelisten kauern sie zu ihren Füßen, halten die Schriftrolle oder dienen als Schreibpult. Häufig findet man sie an Kanzeln, über Portalen, in Apsiden und auch in Buchmalereien. In der Romanik gehören sie zwingend als Hofstaat zur Majestas Domini, der Darstellung des auferstandenen Christus als Weltenherrscher. In unserer Kirche befinden sich diese vier Bilder in den vier Gewölbekappen unseres Chorquadrats. Sie gehören mit dem „Christus in der Mandorla“ in der Apsiswölbung zu den ältesten Fresken unserer Kirche. Das ganze Ensemble wurde wohl gemeinsam konzipiert und stammt etwa aus dem Jahr 1250. Die Bilder erscheinen mir ganz liebevoll gemalt: Alle vier Wesen haben ein Flügelpaar, tragen einen Heiligenschein, halten ein Spruchband mit dem Namen ihres Evangelisten, sind wunderschön umgeben von Blüten und äußerst dynamisch in Bewegung, im Gegensatz zum statisch thronenden Christus. Besonders gefällt mir der Stier - er lacht so nett.

Hier lohnt sich ein Nachdenken über die Beziehung Evangelist und Symbol. Und das ist fürwahr eine lange Geschichte.

Sie beginnt im Alten Testament. Hesekiel beschreibt im 6. Jahrhundert vor Christus eine Vision, man nennt sie die Berufungsvision des Hesekiel. (Hesekiel 1). Er sieht in einer Feuerwolke vier Wesen, jedes davon mit vier Köpfen. „…Bei allen vieren waren ihre Angesichter vorne gleich einem Menschen, zur rechten Seite gleich einem Löwen, zur linken Seite gleich einem Ochsen und hinten gleich einem Adler…“. Im weiteren Verlauf der Vision sieht er die Herrlichkeit des Herrn und wird zum Propheten berufen. Nun war Hesekiel zu dieser Zeit mit einem Teil des jüdischen Volkes im babylonischen Exil. Eine schlimme Zeit für die religiösen Führer der Juden, galt es doch, das Volk von babylonischen Göttern fernzuhalten. Aber selbst der Prophet konnte sich den Einflüssen der fremden Religion nicht völlig entziehen, und so ist es nicht verwunderlich, dass in der Vision mächtige Mischwesen assyrisch-babylonischen Ursprungs beschrieben werden. Diese Mischwesen oder Vierwesen, auch Tetramorphe genannt, vereinen in sich die Geistigkeit des Menschen, die Machtfülle des Löwen, die Zeugungskraft des Stieres und den Höhenflug und Scharfblick des Adlers. Am 28. 2. 2015 berichtete die NWZ von IS-Barbaren, die auf dem Ausgrabungsgelände von Ninive eine monumentale Wächterfigur aus dem 7. Jahrhundert vor Christus zerstört haben: Einen geflügelten Stier.

Wichtig ist hier die Zahl Vier, in welcher seit Urzeiten die Menschen Ordnung und Maß der Erde und des Kosmos erblickten: Nach alter mythologischer Vorstellung tragen vier Weltecken das Himmelsgewölbe. Auch Hesekiel spricht von den vier Enden des Landes (Hesekiel 7, 2). Es gibt vier Himmelsrichtungen, vier Elemente, vier Jahreszeiten …- und es gibt vier Evangelisten! Diesen Zusammenhang formulierte als erster im 2. Jahrhundert nach Christus der Kirchenvater Irenäus von Lyon: „Wie die vier Weltecken das Himmelsgewölbe tragen, so tragen die vier Evangelien die Kirche“. 

© Kath. Pfarramt Dom St. Peter, Worms; Foto: K. Baranenko

Dieser Gedanke ist eindrucksvoll in Stein gemeißelt am Wormser Dom: Die vier Evangelisten, dargestellt als Tetramorph, als Vierwesen, tragen die Ecclesia, die Kirche, in Gestalt einer Frau. Deutlich sieht man die vier Angesichte. Von unten nach oben: Adler, Löwe, Stier, Mensch. Deutlich sieht man auch die vier verschiedenen Beine: vorne rechts Mensch, links Stier, hinten rechts Löwe und die Adlerklaue links. Eine mächtige, bedeutungsschwere Allegorie! Ihre Bedeutung wird sogar noch gesteigert, wenn man bedenkt, dass nicht weit davon entfernt seinerzeit Martin Luther vor dem Kaiser stand und seine Thesen verteidigte mit dem Grundsatz „sola scriptura“ , d. h. „allein durch die Schrift“ und meint: Nur wo und solange Kirche getragen ist von den Evangelien und damit vom Wort Gottes, ist sie wirklich Kirche.

Doch es gibt noch eine andere Beschreibung von Gottes Thron: 
Die neutestamentliche Vision aus der Offenbarung, Johannes 4, 6-8. Hier wird von vier einzelnen Lebewesen, ebenfalls Mensch, Löwe, Stier und Adler, erzählt. „…Sie waren um den Thron …. und hatten keine Ruhe Tag und Nacht…“.

Daher also die Dynamik in unseren Bildern! 

So ergab sich wohl der Wunsch späterer Kirchenväter, die Evangelisten nicht gemeinsam durch den Tetramorphen darzustellen, sondern jedem Einzelnen so ein Wesen zuzuordnen. Es gab zunächst unterschiedliche Zuordnungsversuche. Der Kirchenvater Hieronymus bestimmte im 4. Jahrhundert die jetzigen Zuordnungen, die Papst Gregor I. im 6. Jahrhundert festigte, indem er die einzelnen Bilder auch noch christologisch deutete:
der Mensch des Matthäus        für die Menschwerdung Christi
der Stier des Lukas                  für den Opfertod Christi 
der Löwe des Markus               für die Auferstehung Christi
der Adler des Johannes            für die Himmelfahrt Christi.

Die Symbole sagen also nichts aus über die Verfasser der Evangelien, sondern über Christus, den sie verkündigen.

---

Quelle:  Heinrich u. Margarethe Schmidt, Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst

---

Erschienen im Gemeindebrief 02/15

Ornamente - Logos aus der Steinzeit

(Anmerkung: Dieser Artikel erschien im Gemeindebrief 03/2015, in dem das neue Logo der Kirchengemeinde vorgestellt wurde.)

Ornamente sind vermutlich die ältesten Kunstäußerungen der Menschen, älter noch als Tierdarstellungen. Es gab wohl immer ein elementares Bedürfnis nach Schmuck. Aber so wenig ein Logo Schmuck ist, sondern vielmehr ein Erkennungs- und Unterscheidungszeichen, so wenig sind auch Ornamente nur Schmuck. Auch sie müssen wir als Erkennungs- und Unterscheidungszeichen verstehen. Allerdings schrieb man diesen auch stets magische Schutzfunktionen vor Dämonen und bösen Mächten zu, was wir heute von einem Logo nicht gerade erwarten. Bei vielen Ornamenten dominieren geometrische Figuren wie Zickzack, Dreiecke, Kreise, Schachbrettmuster, Flechtbänder. Alles finden wir auch an unserer Stiftskirche. Der ursprüngliche Symbolgehalt ging allerdings verloren - so stehen wir heute etwas ratlos da.

Ein Ornament unserer Stiftskirche hat mich schon immer fasziniert: Es ist der Fries am nördlichen Triumphbogenpfeiler.

Das fehlerfreie Darüber und Darunter, die akribisch exakte Ausführung ist das Faszinierende.

(C) Johanna Neuburger

Beim Nachzeichnen hat man große Mühe, im Unterschied zu heute gängigen Logos. Für diese gilt das Prinzip „Keep IShort (and) Simple“ (KISS) - sinngemäß: „halte es kurz und einfach“.

Nun war mein Staunen gewaltig, als ich in der Hagia Sofia in Istanbul „unser“ Ornament fand, diesmal gemalt.

(C) Bärbel Grieb

Bei den nahezu unendlich vielen Möglichkeiten der Kombination geometrischer Elemente ist das Vorhandensein identischer Ornamente ja ziemlich unwahrscheinlich. Nun, ganz identisch sind sie nicht, bei „unserem“ sind die Kreise verbunden. Trotzdem kommt man da ins Grübeln und tut einen Blick in die Geschichte: 4. Kreuzzug 1202 bis 1204, Einnahme und Zerstörung des christlichen Konstantinopels. Die Hagia Sofia war da schon über 600 Jahre alt. Es ist denkbar, dass Kreuzfahrer dieses Ornament mitgebracht haben und es so zu uns gefunden hat. Die Stiftskirche wurde ja um 1200 erbaut.

Zu meiner Überraschung entdeckt man es auch in der Doppelkapelle der Nürnberger Burg, und zwar an aller prominentester Stelle: Unter dem Herrscherbalkon. Die Kapelle wurde auch um 1200 erbaut.

Also gab es auch schon vor 800 Jahren Nachahmungen und Kopien. Dieser Fries sollte vermutlich sowohl das Kirchengebäude als auch die darin betenden Menschen vor allem Bösen bewahren - und das hat er in unserer Kirche 800 Jahre lang erfolgreich geschafft.

Von der Diskriminierung als kinderloses Paar zu den Eltern der berühmtesten Frau

Foto: Johanna Neuburger

Auf der Nordseite des Chorquadrates unserer Stiftskirche gibt es eine Freskenfolge. Mit der gemalten gotischen Spitzbogenarchitektur samt Maßwerken im Hintergrund wird die Bildentstehung auf 1300 oder kurz danach datiert, wie auch die der Marienbilder. Es ist eine Bildergeschichte, neudeutsch ein Comic. Statt Sprechblasen gibt es Spruchbänder. Die Stiftskirche war vormals eine Marienkirche, und hier wird von Anna und Joachim erzählt, den Eltern Marias. Diese Geschichte steht nicht in der Bibel, sondern sie gehört zu den apokryphen, d. h. verborgenen, Schriften. Das sind Texte, die nicht in einen biblischen Kanon aufgenommen wurden. Trotzdem war diese Erzählung sehr bekannt und beliebt. Sie steht im so genannten Protoevangelium (auch Protevangelium) des Jakobus. Dies ist eine frühchristliche Schrift, die vermutlich um die Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden ist. Der Name leitet sich vom griechischen prõtos „das Erste“ oder „Anfangs-“ her und kann mit „Vorevangelium“ übersetzt werden.

Nun aber zur Geschichte selber:

Anna und Joachim waren schon lange verheiratet, aber kinderlos. Kinderlosigkeit war in der jüdischen Gesellschaft ein verachtenswertes Dasein, galt man doch als Zukunftsverweigerer. Doch die beiden gaben die Hoffnung nicht auf und beteten. Joachim war ein wohlhabender Mann und besaß große Herden. Er opferte stets doppelt so viel als üblich, indem er sagte: „Was dabei zu viel ist, mag dem ganzen Volk zugute kommen“.

Doch dann der Eklat! An einem hohen Festtag wollte Joachim wieder seine Opfergaben bringen, wie gewohnt als Erster. Der Hohepriester wies ihn zurück mit den Worten:

„Es ist nicht erlaubt, dass du als Erster Deine Gaben bringst, denn du hast in Israel keine Nachkommenschaft geschaffen.“ Joachim war natürlich geschockt, hielt er sich doch für angesehen und geachtet. Diese Szene muss auf dem ersten, linken Bild dargestellt gewesen sein. Leider ist dessen Zerstörung komplett.

Die weiteren Fresken stimmen nicht wörtlich mit dem Evangelium überein, aber natürlich in der Sache. Der Maler hat wohl einen überlieferten Bilderzyklus verwendet. Das Bild (1) zeigt das Paar: Links steht Anna, mit einer Haube, die aber seitlich ihre Haare herausquellen lässt. Sie ringt verzweifelt die Hände, da ihr Mann den Vorfall berichtet hat. Rechts wendet sich Joachim, mit roter Kappe, zum Gehen. Er will in die Wüste und dort fasten und beten, bis Gott ihn erhört.

Foto: Johanna Neuburger

Das nächste, größere Bild (2) zeigt das Kernstück der Geschichte. Es ist eine zauberhafte Darstellung. Dem knienden, betenden Joachim links, mit seiner roten Kappe, erscheint ein Engel, rechts. Er verkündigt ihm: „Joachim, Gott der Herr hat Deine Bitte erhört. Deine Frau Anna hat in ihrem Leib empfangen.“ Das stand wohl auf seinem Spruchband, ist aber leider nicht mehr erkennbar. Der Engel hat ein reales Zeichen für Joachim: Er deutet auf das Vogelnest im Baum und verspricht ihm, dass er wie dieser Spatz auch Nachkommen haben werde. Das bedeutet für Joachim den Aufbruch in ein neues, geachtetes Leben.

Wohl zeitgleich erscheint auch der verzweifelten Anna ein Engel, wie das nächste Bild (3) erzählt. Betend auf den Knien sieht man sie rechts, links steht der Engel mit einem langen Spruchband, das man auch nicht mehr lesen kann. Aber die Botschaft der Verkündigung ist ja klar.

In der Geschichte berichten Boten dann Anna, dass ihr Mann mit seinen Herden zurückkehrt. Sie eilt ihm entgegen. Unter der Goldenen Pforte – ein Stadttor Jerusalems – liegen sie sich in den Armen, was das nächste Bild (4) zeigt. In ihrer Freude über die Verheißung geloben sie, das Kind Gott zu widmen, also im Tempel erziehen zu lassen.

Das letzte, wieder größere Bild (5) ist auch fast ganz zerstört. Aber man erkennt ganz deutlich links den Kopf und Oberkörper Annas in einem Bett und kann damit sicher sein: Hier ist die Niederkunft Annas mit Maria dargestellt.

Welche Absichten verfolgte wohl der Verfasser der Geschichte?

Erstens gab es das Bedürfnis, mehr über Maria zu erfahren. In den kanonischen Evangelien liest man nicht viel über sie. Matthäus berichtet gleich von ihrer Schwangerschaft, Lukas erzählt noch die Verkündigung des Engels, Markus und Johannes beginnen ja mit dem erwachsenen Jesus.

Zweitens sollte damit vielleicht auch verdeutlicht werden, dass für Maria eine unbefleckte Empfängnis gilt – ein Dogma in der katholischen Kirche – und sie damit frei ist von der Erbsünde. Schon von ihrer Zeugung an sei sie also zur Gottesmutter bestimmt.

 In der Geschichte wird Maria an ihrem dritten Geburtstag in den Tempel gebracht. „Gott der Herr legte Anmut auf sie; das ganze Haus Israel gewann sie lieb. Maria wurde im Tempel gehegt wie eine Taube und sie erhielt Nahrung aus der Hand eines Engels.“  Quelle: Protoevangelium des Jakobus

Besuchen und Besuchtwerden

Vor unserer Stiftskirche steht der „Brunnen der Barmherzigkeit“. Er wurde vor 10 Jahren von dem inzwischen verstorbenen Künstler Ulrich Henn geschaffen. Es gibt zwei Besuchsszenen, die als barmherzige Taten gelten: Der Besuch bei einem Kranken und der Besuch bei einem Gefangenen. Gottfried Lutz hat den Brunnen in einem 2007 erschienen Büchlein beschrieben. Es liegt in der Kirche aus.

Nun soll aber unser Kirchengebäude selbst als Besuchsobjekt betrachtet werden. Denn hier ist alles umgekehrt. Beim Brunnen tut man dem Besuchten etwas Gutes, aber der Besucher der Stiftskirche wird von dieser belohnt. Der Gottesdienstbesucher, der ja nicht aus Barmherzigkeit gegenüber Kirchengebäude oder Pfarrerin kommt, geht gestärkt von Gesang, Predigt und Gebeten in die neue Woche. Der Tourist oder Kunstfreund, der unsere Stiftskirche besichtigt, ist überwältigt und beglückt. Alle Kirchenhüter haben wohl solche Momente erlebt. Man fragt sich, wie das geht. Wie kann eine Ansammlung von Steinen bei Menschen Glücksgefühle, Freude, Begeisterung, Ehrfurcht, Inspiration und viele andere positive Gefühlsregungen auslösen? Woher kommt die Kraft dazu?

© Johanna Neuburger

Figurengruppe zwischen dem zweiten und dritten Fenster

Unsere Stiftskirche lockt uns zum Besuch und beschenkt uns dadurch, dass wir immer neue Details an ihr entdecken können. Hier will ich auf einige Einzelheiten hinweisen, die vermutlich noch wenige gesehen haben. Es geht um den wunderbaren Fries außen am hohen Mittelschiff auf der Südseite. In der obersten Reihe wechseln Flechtbänder und Schachbrettmuster mit Lilien. Zwischen dem zweiten und dritten Fenster von links, vom Turm her gezählt, entdeckt man zwischen den Lilien zwei Gesichter - Masken, aus deren Mündern die Stängel der Lilien quellen. Entsprechendes findet man über dem vierten Fenster. Am besten erhalten ist die rechte Maske zwischen dem zweiten und dritten Fenster. Die anderen waren filigraner und sind stärker verwittert. Trotzdem lohnt es sich, genau zu schauen: In den oberen Ecken der Gruppe zwischen dem zweiten und dritten Fenster waren möglicherweise auch noch Köpfe und über dem vierten Fenster schloss sich vermutlich auch eine weitere Maske an. Die Gruppierung der Stängel legt es nahe, aber es ist nicht mehr erkennbar.

 

 

© Johanna Neuburger

Grüne Männer über dem vierten Fenster

Diese Figur heißt „Der grüne Mann“, aber ihre Deutung ist schwierig. Möglicherweise stammt sie von den Kelten. Für die war der Kopf ein Objekt besonderer Verehrung, da sich für sie die Kraft im Kopf konzentrierte. Andere sehen im grünen Mann den männlichen Gegenpol zur Mutter Erde. Für Martin Luther diente er als Symbol für die Früchte der Gelehrsamkeit. Viele seiner in Wittenberg gedruckten Schriften zeigen den grünen Mann auf dem Titelblatt. Für heutige Naturschützer warnt uns der grüne Mann vor der Manipulation unserer Lebensgrundlagen.


Da der ganze Fries als Architekturmagie mit wirkungsmächtigen Zauberzeichen gedeutet wird, schützt uns der grüne Mann wohl vor allen bösen Mächten und belohnt uns wiederum so für den Besuch.

Erwartetes - Unerwartetes

Foto: Johanna Neuburger

Die meisten Gottesdienstbesucher nähern sich unserer Stiftskirche von Osten. Damit haben sie die spektakuläre Ostseite dieser Kirche vor Augen. Was ist das Spektakuläre? Nun, ein Wunderwerk türmt sich über das andere.

Unten beginnt die Apsis. Über dem wunderbaren Bogenfries wölbt sich das Kegeldach der Apsis, gekrönt von der wunderschön gearbeiteten Eule. Darüber erhebt sich der Giebel des Chorquadrats mit seinem unglaublich fein ziselierten Fries, mit Rundbögen, Zackenschnitt und Zickzackmuster. Aber nun kommt der echte Knaller! Ein Alleinstellungsmerkmal unserer Kirche: Die Figuren am Ostgiebel des hohen Mittelschiffes. Beim Näherkommen, wenn man genau hinschaut, ist man allerdings irritiert. Das erwartete, christliche Bildprogramm – nichts davon ist da. Nur die beiden Kreuze auf dem Giebel des Chorquadrats und auf der Laterne des Mittelschiffes erkennen wir sofort als christliche Symbole. Ansonsten keine Madonna mit Kind, kein Schmerzensmann, kein Petrus mit Schlüssel oder Paulus mit Schwert, kein mantelteilender Martin, keine Engel, …

Theo Dames (1898–1979), schlesischer Künstler und Kunsthistoriker, hatte es nach dem Krieg nach Göppingen verschlagen. Er schrieb mehrere Artikel über die Stiftskirche. Aus dem vom 17. Februar 1950 in der NWZ möchte ich zitieren:

„Kein Programm, aber ein Fabulieren der Steinmetzen, ein Geschichtenerzählen und Schildern von Einfällen, wenn z. B. ernste Menschengestalten zwischen glotzend-starrende Köpfe gelegt sind oder Tiergestalten neben einen Hockenden. … Hier lebt noch die germanische Gottesahnung, und keines der Bilder ist als christlich zu deuten.“

Naja, mindestens die Gemeindebriefleser wissen seit dem Gemeindebrief 1/2013, dass der Panther, der über dem Fenster aus der Apsis springt, ein Symbol für die Auferstehung ist. Von wegen nicht christlich!

Aber der von Dames als „Hockender“ bezeichnete, verwirrt uns schon sehr, denn so eine Plastik haben wir an einer Kirche überhaupt nicht erwartet.

Rundes Bild: Original des Lecksfüdle, jetzt im Museum Storchen / Foto: Johanna Neuburger

Noch bei keiner Führung habe ich erlebt, dass jemand auszusprechen wagte, was er zu sehen glaubt. Zu unmöglich und zu unerwartet erscheint uns heute diese Darstellung an einem Gotteshaus.

Die Rede ist vom „Lecksfüdle“, dieser Figur, die sich an den Knien unterhakt und dem Betrachter ihr nacktes Hinterteil hinstreckt.

Hier hilft uns Dr. Heinz-Eugen Schramm (1918–1998) weiter. Er war Autor und Herausgeber von überwiegend mundartlich geprägten Büchern aus dem alemannisch-schwäbischen Sprachbereich, und er gründete in den 1960er Jahren die Götz-von-Berlichingen-Academie „zur Erforschung und Pflege des schwäbischen Grußes“. In seinem 1960 erschienen Büchlein LmiA (Leck mich …) begründet er, dass es sich bei solchen Darstellungen um ein Relikt uralten Nacktheits- und Abwehrzaubers handelt, wie er sich in den religiösen Vorstellungen vieler Völker findet.

Zitat: „Wer den Dämonen, den Hexen, den Teufeln oder seinen persönlichen Feinden das entblößte Hinterteil zeigt, dem können sie nichts anhaben. Das blanke Gesäß ist hier als Symbol des Spiegels aufzufassen. Nach dem Volksglauben werden Dämonen von ihrem eigenen Spiegelbild abgeschreckt und ergreifen die Flucht.“

Unser Lecksfüdle stammt etwa von 1250, aber selbst Luther und Kepler (1571–1630) glaubten noch an die Wirkungsmacht und den Abwehrzauber dieser Geste. So liest man in Luthers „Tischgesprächen“ erstaunt: „… so wollt ich alle Stunden zum Teufel sagen, er sollt mich im Arsch lecken.“ Und Kepler gesteht in einem Brief, er habe sich seiner spottenden Gegner nur dadurch erwehren können, dass er ihnen den „blinden Hinterkopf“ wies.

Schramm listet in seinem Büchlein auf, wo überall Lecksfüdle vorkommen: An Kirchen, an Burgen, an Bürgerhäusern. Aber sie sind natürlich immer nur außen angebracht, wo die bösen Dämonen herkommen könnten.

Auch Wolfgang Metzger (1899–1992) vertritt  in seinem 1971 erschienen Buch „Die romanische Stiftskirche in Faurndau“ die Meinung, dass alle Figuren und Friese der magischen Sicherung des Gebäudes und der in ihm tätigen Menschen dienen. Es ist vom geweihten und gefeiten Bau die Rede. Den Symbolen schrieb man Wirkungsmächtigkeit zu und war überzeugt, dass sie einen Schutzkreis um den Bau und um die darin betenden Menschen ziehen.

Wir müssen uns nicht wundern, dass die Menschen damals Dämonen für real hielten, wird doch etwa im Neuen Testament bei Markus 5 erzählt, dass Jesus den Legion von seinen Dämonen befreite, diese dann in eine Schweineherde fuhren mit der Folge, dass sich 2.000 Schweine ins Meer stürzten.

Schramm weist auch nach, dass wir uns heute immer noch dieses alten Abwehrzaubers bedienen, indem wir das Götz-Zitat LmiA verwenden.

Aber da wir unseren Lecksfüdle haben, der uns wirkungsmächtig vor Dämonen schützt, sind wir außen vor und brauchen das Götz-Zitat LmiA nicht mehr.

Die Eule auf dem Apsisdach

© Johanna Neuburger

Erschienen im Gemeindebrief 02/2017

Da hockt sie, auf dem Kegeldach der Apsis, direkt unter dem Kreuz vom Giebel des Chorquadrats:
Die meisterhaft geschaffene Eule!

Oder ist es mit den „Öhrchen“ eher ein Uhu? Stoisch beäugt sie uns von oben, und wir können dankbar sein für diesen wunderbaren Blickfang. Auch ihr Sockel ist ganz aufwändig gestaltet. Für mich ist sie der Beweis dafür, dass an unserer Kirche wirkliche Künstler zugange waren und dass wir es nicht – wie es einst in der Presse hieß – mit „ungelenker Volkskunst“ zu tun haben.

Aber was bedeutet die Eule an dieser prominenten Stelle? Zu allen Zeiten hatten Menschen eine sehr gespaltene Sichtweise auf diesen Nachtvogel. Er war entweder gut oder böse, neutral stand man ihm nie gegenüber. In der griechischen Antike war die Eule die Begleiterin und das Symbol der mächtigen Göttin Pallas Athene. Diese war die Göttin der Weisheit, des Lichtes, aber auch von Krieg und Frieden und hatte Licht- und Eulenaugen. Noch heute haben einige Euro-Münzen der Griechen auf der Rückseite eine Eule.

Was sagt dazu der Physiologus – der Naturkundige? Dieses geheimnisvolle Buch aus Vorderasien hat uns schon bei der Deutung des Panthers geholfen. Über die Eule oder das Käuzchen steht hier: „Es liebt die Nacht mehr als den Tag. Also hat auch unser Herr Jesus Christus uns geliebt, die wir in Finsternis und im Schatten des Todes saßen.“

So wurde die Eule im frühen Mittelalter eine Allegorie für Christus. Später wandelte sie sich zu einem deutlich negativeren Symbol und geriet allmählich zum Untier. Sie wurde zum Begleiter von Hexen und Teufeln, von bösen Geistern und Dämonen und wurde Unheilverkünderin. Es wurde ihr aber auch Zauberkraft zugeschrieben: Eulenfleisch fand als Liebeszauber und Heilmittel Verwendung, und eine lebendig mit ausgebreiteten Flügeln an Haus- oder Scheunentor genagelte Eule sollte vor Blitzschlag, Zauber, Seuchen und allem Bösen schützen.

Offensichtlich ist sie uns auch heute noch unheimlich. In Riedlingen hält zur Zeit, im Juni 2017, eine Eule die Polizei auf Trapp, die immer wieder wegen Eulengeschreis alarmiert wird.

Unsere wundervolle Eule hat nichts Dämonisches, eher etwas Beschützendes. Wolfgang Metzger wagt in seinem 1971 erschienen Buch „Die romanische Stiftskirche in Faurndau“ eine Deutung für die Plastik am Ostgiebel. Die ganze Komposition der Mittelachse hat das Thema Tag und Nacht und Zeit. Die beiden großen Figuren werden als Zwillinge gedeutet. Der obere, der barfuß locker hockt, ist der Tagesregent; er trägt einen Kronreif. Der untere, mit Mantel und Stiefeln, ist der Führer durch die Nacht. Zusammen visualisieren sie das Christusversprechen: “Ich bin bei euch alle Tage“. Ganz oben hinter dem Tagesregenten sieht man noch eine Sonnenscheibe. Ganz unten auf dem Apsisdach schließt die Eule als Nachtvogel das Bildprogramm ab.

Zusammen mit dem Führer durch die Nacht begleitet und behütet sie uns also durch dunkle Stunden. 

//Bärbel Grieb

Geheimnisvolle Zeichen

Zuerst sieht man gar nichts! Man muss eine Weile schauen, dann entdeckt man immer mehr: Steinmetzzeichen! Vor allem außen an der Apsis, und hier besonders an der südlichen Lisene. Das ist die  dünne Halbsäule zwischen dem großen und dem südlichen kleinen Apsisfenster. Hier gibt es geradezu einen Wettbewerb zwischen  V   und + , als wollten die Meister an dieser prominenten Stelle unbedingt ihre Visitenkarte hinterlassen.

Steinmetzzeichen dienten auf mittelalterlichen Baustellen der Abrechnung und auch der Qualitätskontrolle. Aber schon der Lehrling, wenn er sich auf Wanderschaft begab, erhielt von seiner Bauhütte ein Zeichen, das ihn sein ganzes Leben begleitete. 

Rainer Hussendörfer, der als Bauingenieur seine Doktorarbeit über unsere Stiftskirche geschrieben hat, fand neun Zeichen auf romanischen Quadern unserer Kirche:

Am gotischen Fenster, das 150 Jahre später eingefügt wurde, findet man natürlich andere Zeichen:

Das zweite Zeichen sieht man recht gut außen auf dem rechten, äußersten Bogen des Fensters auf dem zweiten Stein von oben. Rainer Hussendörfer hat natürlich auch abgemessen und gefunden: Die Zeichen sind zwischen 3 cm und 8 cm breit und zwischen 2 cm und 9 cm hoch.

Die romanischen Zeichen sind sehr einfach, wie man oben sieht. Das bedeutet aber auch, dass man nur beim gleichen Bauwerk vom gleichen Zeichen auf den gleichen Handwerker schließen kann. In einer anderen Stadt, an einer anderen Kirche, kommt das Kreuzchen vielleicht auch vor, gehört aber zu einer anderen Werkstatt. In der Gotik wurden die Zeichen dann aufwändiger, fast wie Wappen, und damit auch einmaliger.

Steinmetzzeichen haben eine lange Tradition; man findet sie schon an ägyptischen Bauwerken von 2500 v. Chr. und auch an antiken Tempeln. Uns zeigen sie heute, dass Menschen in harter Arbeit unsere wunderbare Kirche geschaffen haben und hoffentlich dafür auch ordentlich bezahlt wurden.  //Bärbel Grieb

Obere beide Reihen: Romanische Zeichen. Unten: Steinmetzzeichen aus der Gotik am gotischen Fenster.

Vergänglichkeit - in Stein gemeißelt

In unserer Kirche führen sie ein Mauerblümchen-Dasein. Sie sind versteckt hinter Tischen, Stühlen und Bänken, und sie sind unbeleuchtet: Die Grabplatten oder Epitaphe. Dabei sind sie kleine Kunstwerke, die Geschichte und Geschichten erzählen und selbst eine spannende Geschichte haben. Denn als in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts im Rahmen der Restaurierung in der Kirche Grabungen durchgeführt wurden, hat man sie im Fußboden gefunden: 5 im Mittelschiff und je 2 in den Seitenschiffen. Wurden sie „beerdigt“ oder entsorgt, wollte man sie schützen oder einfach loswerden? Das können sie uns nicht mehr erzählen. Fakt ist aber, dass nur unter einer Platte Gebeine gefunden wurden (unter welcher weiß man nicht mehr), was aber bedeutet, dass die Platten ursprünglich einen anderen Platz hatten, vermutlich im Kirchhof.

Von den 9 Grabplatten sind 6 in der Turmvorhalle und im nördlichen Seitenschiff aufgestellt. Die anderen sind wohl im Museum.

 

Die ältesten stehen an der Südwand der Vorhalle. Der rechte Stein ist von 1465. In der Umschrift findet man den Namen „hanse vo ruszestein“, unten das Wappen seiner Frau Margarete mit einem Schrägbalken. Dieser Hans von Reußenstein war zu der Zeit Besitzer von Schloss Filseck, was 1459 urkundlich bezeugt ist.

Daneben steht eine zweite Grabplatte der Reußensteiner von 1521 mit ihrem Wappentier, einem aufsteigenden Bären.

Die beiden Epitaphe an der Westseite des nördlichen Seitenschiffs tragen aufwändige, spannende Wappen. Der linke Stein ist von 1613, die deutsche Inschrift nennt einen „Ambtman hans urich wertz von Sultzberg“. Im Wappen sieht man einen Vogel Strauß. Auf dem Helm mit großen Hörnern thront noch eine Gans. Über dem Wappen steht: „Jos.7 Cap muos nitt der mensch immer im streyt sein auff erden“; eine recht freie Interpretation dieser Bibelstelle.

Beim Stein daneben sieht man gleich die barocke Herkunft. Er erzählt aber einen Krimi und zwar vom damaligen Besitzer des Freihofs, dem württembergischen Offizier Zacharias Langjahr. Die lateinische Inschrift kann so übersetzt werden:

„Diesen Altar hat die traurige Ehefrau errichtet für ihren anvertrauten Zacharias Langjahr, einen über seinen Titel und sein Schicksal hinausgehenden vornehmen Mann, den württembergischen Offizier, der am 3. Februar 1623 in Oberösterreich durch – ach! – die Verwundung durch einen Meuchelmörder unter großem Schmerz im Alter von 36 Jahren seiner Frau, seinen Kindern, Freunden und allen guten Menschen entrissen worden war.“

Das kunstvolle Wappen zeigt zweimal einen nach rechts schreitenden Löwen mit einem Rad.

Am berührendsten aber sind für mich die Grabplatten an der Westseite links und rechts neben dem Hauptportal. Sie erinnern an Chorherren und haben nur ein Kreuz und einen Abendmahlkelch, keine Namen. Beim linken Stein kann man die Jahreszahl 1484 gut lesen (ein halber Achter ist ein Vierer). Der große Sockel, auf dem das Kreuz steht, wird als Berg Golgatha gedeutet. Beim rechten Stein hat das Kreuz lebendige Triebe wie eine Pflanze. Dies macht das Kreuz zum Lebensbaum, eine mächtige Allegorie, die den Glauben an die Auferstehung symbolisiert.  //Bärbel Grieb

Quellenangabe: Faurndauer Chronik von Walter Ziegler

Ein Pelikan auf unserem Altartuch?

Während der Passionszeit hatten wir in unserer Stiftskirche ein violettes Altartuch, ein Parament. Es zeigt einen Pelikan mit vier Jungvögeln. Manch einer wunderte sich, gerade auch Konfirmanden. Ein Pelikan – gehört der nicht in die Wilhelma statt in die Kirche? Dies ist eine lange Geschichte.

Aber denken wir zuerst über Paramente nach. Paramente sind die großen, farbigen, bestickten Tücher, die vorne am Altar herunterhängen.

Die Urkirche bevorzugte zunächst ein „reines Weiß“. Erst Papst Innozenz III. legte um 1200 eine Farbenordnung vor. Sie sollte das Kirchenjahr auch optisch gliedern und hohe Festtage von einfachen Sonntagen unterscheiden. Im 16. Jahrhundert legte Papst Pius V. den jetzigen Farbkreis fest. 

Wir, in unserer Gemeinde, haben 5 Paramente:

2 weiße —> für Weinnachten, Ostern und Trinitatis
Das für Weihnachten zeigt die Krippe und den Stern.
Das für Ostern und Trinitatis ist bestickt mit dem Osterlamm.

1 violettes —> mit dem Pelikan für Advents – und Passionszeit

1 rotes —> mit einer Krone. Dieses hängt nur an einzelnen Festtagen wie
Konfirmation, Pfingsten, Reformationsfest oder einer Investitur

1 grünes —> mit dem siebenarmigen Leuchter für alle normalen Sonntage.
Dieses sehen wir am häufigsten.

Vorgeschrieben sind nur die Farben, nicht die Abbildungen. Dabei ist die Vorschrift nicht streng, und eine Gemeinde muss nicht unbedingt Paramente haben. Auch haben wir kein schwarzes, wie es auf dem Farbkreis für Karfreitag vorgesehen ist. Am Karfreitag ist bei uns der Altar kahl, ohne Parament, ohne Tischdecke und ohne Blumen.

Das kleine Parament an der Kanzel hat übrigens stets die gleiche Farbe wie am Altar, aber andere Bilder.

Bei unseren katholischen Mitchristen tragen die Pfarrer farbige Messgewänder. Die Farben sind im Kirchenjahr die gleichen wie bei uns. Am Altar gibt es nur einen schmalen Streifen, der über die ganze Länge geht und auch die liturgische Farbe trägt.

Montrealais [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl. html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/ licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons

Nun zum Pelikan: Wie kommt dieser auf unser Altartuch?

Der berühmte Physiologus, der Naturkundige, dieses geheimnisvolle Buch, das zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert im östlichen Mittelmeerraum erschien und der so etwas wie Brehms Tierleben des frühen Christentums war, kann uns weiterhelfen. Es hat uns auch schon bei der Deutung des Panthers über dem großen Apsisfenster geholfen.

Der Physiologus hat vom Pelikan gesagt, er gehe völlig auf in der Liebe zu seinen Kindern. Aber wenn die Jungen geschlüpft und etwas gewachsen sind, dann picken diese ihren Eltern ins Gesicht (Das beruht auf einer richtigen Beobachtung: Die Jungen holen sich die vorverdauten Fische aus den Kehlsäcken der Eltern). Die Eltern aber hacken zurück und töten die Jungen. Nachher jedoch tut es ihnen leid. Drei Tage lang trauern sie dann um die Kinder, die sie getötet haben. Nach dem dritten Tag aber geht ihre Mutter, manchmal ist es auch der Vater, hin und reißt sich selber die Brust auf. Das Blut tropft auf die toten Leiber der Jungen und erweckt sie wieder zum Leben. Soweit der Physiologus.

Auf wen der Pelikan damit verweist, war damals allen Lesern klar. Noch Jahrhunderte später dichtete der heilige Thomas von Aquin (1225–1274, Dominikaner und Kirchenlehrer): „Gleich dem Pelikane starbst du, Jesu mein, wasch mit deinem Blute mich von Sünden rein.“

So hat der Pelikan Eingang in die christliche Bildersprache gefunden und gilt als Symbol für opferbereiten Dienst im Allgemeinen, für die aufopfernde Liebe und den Opfertod Jesu Christi im Besonderen und für das ewige Leben.

Abbildungen von Pelikanen in Kirchen findet man im Internet z.B. unter dem Suchbegriff „Bilder zu Pelikan als Christliches Symbol“.

Eine Variante der Legende vom Pelikan findet man auch unter dem Link

stklemens.at/2012/04/die-legende-vom-pelikan-und-seinen-jungen/

Bärbel Grieb